Juni 2012

26. Juni 2012

 

Kurz vor meiner Reise nach Iquitos gebe ich noch ein Lebenszeichen von mir:

Ich lebe noch!

Anfang Juli werdet ihr mehr über die Umstände, wie ich lebe und was ich erlebe, erfahren.

 

16. Juni 2012

 

Die Abschiedsfeier bei Marco war schön und ich konnte mich wegen meiner Erkältung vor dem Karaoke-Singen drücken. Karaoke scheint mir übrigens der neue Volkssport in Peru geworden zu sein. Lucero würde auch gerne mal mit mir Karaoke singen und vor drei Tagen war ich mit Jorge, Bety, Milagros, Antonio ("Toño"),.. aus dem Fitnessstudio beim Karaoke in einer neu eröffneten Bar in Comas. Bereits vorher haben wir auf Befehl von Jorge gefühlte 10.000 Mal "Te extraño" von Xtreme im Auto rauf und runter gesungen. Wenn euch das Bachata-Lieblingslied von Jorge interessiert, "youtubed" es einfach mal. Ich kann den Text inzwischen auch schon auswendig.

Sportlich ist bekanntlich auch der Fußball. Ich verfolge die Fußball EM, insbesondere die Deutschland-Spiele, gespannt. Jedenfalls, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Viele der 1.45pm (20.45 Uhr) Spiele scheinen nämlich nicht in meinen Fernsehkanälen übertragen zu werden. Das erste Spiel sah ich mit Phia, Mateo, Freddy, Paolo,... in Miraflores, zur Feier Mateos Geburtstages, das Zweite verfolgte ich über einen US-amerikanischen Internetlivestream mehr schlecht als recht. Am Sonntag werde ich mir das Spiel vermutlich wieder außerhalb ansehen!

Die letzten Peru-Spiele habe ich mir mit Yazmin angesehen, so zum Beispiel das Spiel Peru-Uruguay am vergangenen Sonntag. Peru verliert jedoch ständig und hat kaum noch Chancen auf eine WM-Teilnahme 2014. Pizarro ist auch eher negativ in aller Munde, da er "verletzungsbedingt" die letzten beiden Spiele ausgesetzt hat, die Peruaner glauben allerdings, dass er einfach "keine Lust" zum Spielen hat und sich lieber mit seinen Rennpferden in La Molina beschäftigt oder sich in Deutschland aufhalten möchte.

Am letzten Samstag haben Eva, Phia und ich Lucero zu ihrer Universität, der Universidad Peruana de Ciencias Aplicadas (UPC) begleitet. Mein lieber Scholli, die Studiengebühren von 1800 Soles im Monat (!), umgerechnet etwas weniger als 600 Euro monatlich, sieht man nicht nur dem Gebäude samt Ausstattung, sondern auch den Studenten an! Alle sind gekleidet wie Studenten an deutschen Universitäten und fallen in das Genre "verhältnismäßig hellhäutig", ich habe sogar einen "richtig Blonden" gesichtet. Sogar ein Starbucks hat sich auf dem ansonsten kleinen Uni-Campus angesiedelt und es gibt ein teures Restaurant, neben Cafeterias, die auch zu eher gehobenen Preisen Sandwiches etc. anbieten. Und da sag nochmal jemand, Studenten haben kein Geld und deswegen sind Mensen eher günstig...wer dort studieren kann, kann auch teuer essen.

Gestern war ich mit Caciles in Pachacamac, die Ruinen dort ansehen. Allzu beeindruckt war ich nicht- ich habe inzwischen so viele Ruinen von Tempeln und Häusern gesehen, dass es nichts Besonderes mehr für mich darstellt. Ich müsste Archeologin sein, sollte es anders sein.

Im Anschluss an Pachacamac waren wir noch im Jockey Plaza und wisst ihr was? Es gab dort einen Crepe-Stand mit Nutella! Ich war ganz aus den Socken. Und im dortigen Tottus (Supermarkt) gab es sogar Milka, Ritter Sport, Lindt, Hanuta und Toffifee! Caciles hat sich dann zum Probieren, trotz des dreifachen Preises als der in Deutschland übliche, Hanuta und Ritter Sport mit Cornflakes gekauft. Urteil: "Sehr lecker, aber warum ist die Schokolade nie pur, sondern hat immer Stücken?" Tja, wer sich Hanuta (mit Haselnüssen in der Schokolade) und Ritter Sport mit Cornflakes (!) aussucht, soll sich darüber eigentlich nicht wundern.

 

06. Juni 2012

 

Mirian erschien natürlich nicht zum Master, der insgesamt über drei Stunden andauerte und durch den viele Tanzlehrer führten. Das Länderspiel Peru-Kolumbien war für die peruanische Mannschaft peinlich. Das ganze Spiel über waren sie den Kolumbianern überlegen, das Tor machten jedoch die anderen. Die Chance auf eine WM-Teilnahme ist damit sehr gering geworden.

In der Schule ist für das administrative Personal "Kannibalismus" das "Thema Nummer 1". Die peruanischen Medien berichten unter anderem über einen deutschen Kannibalen. Ich wurde darauf hingewiesen, mich vor Kannibalen besonders in Acht zu nehmen, da ich "so blond und hübsch wie ich wäre" immer sofort auffalle.

Heute Abend werden Phia, Eva und ich zu Marco nach Surquillo (Lima) fahren, da er auf Grund von einer dreimonatigen Auslandsreise in die USA und nach Deutschland eine kleine Abschiedsfeier organisiert. Morgen werde ich mich mit Caciles treffen, für den Freitag habe ich, abgesehen vom Tanzen, noch keine genauen Pläne.

Vielleicht werde ich bis zum Wochenende wieder gesund sein - immerhin klingt meine Erkältung ab.

 

03. Juni 2012, zwischen 2 und 3 Uhr morgens

 

Bandenkrieg in Comas und ich bin mitten drin!

 

Der 15. Geburtstag von Gabriela, der Tochter von Mirian, entwickelte sich in ein Desaster, welches mit Blutflecken, Tränen und der Polizei enden sollte.

Auf der Einladung stand, dass die Party um 21 Uhr beginnen sollte, ich war um 22.30 Uhr dort und trotzdem wie immer eine der ersten Gäste. Noch wurde alles aufgebaut, erst kurz nach Mitternacht ging es wirklich mit einer kleinen Ansprache und den ersten (und letzten) Snacks los. Mirian betonte dreimal während ihrer äußerst kurzen Rede, dass sie sich eine ruhige Feier wünschte. Ich wunderte mich darüber, hatte ich diese Worte nie zuvor bei einer Geburtstagsfeier gehört.

Abgesehen davon verlief jedoch alles in einem Rahmen, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Kurz vor 2 Uhr, ich unterhielt mich gerade mit einem "Jonathan", einem anderen Tanzlehrer (ich habe das Gefühl, ständig von Tanzlehrern zu schreiben), hörte ich jedoch Klirren/Krachen/Poltern (im Nachhinein kann ich mich nicht mehr genau erinnern) und kreischende Frauen. Eine Menschenmasse bewegte sich in rasendem Tempo auf mich zu, Menschen rempelten mich an, weswegen ich den Rest meines Bieres verschüttete (ein Großteil landete auf meiner Jacke) und drängten mich in den hintersten Teil des Raumes. Nach wenigen Sekunden schien sich die Meute beruhigt zu haben und als alle etwas zu Atem gekommen schienen, fragte ich offen in den Raum, was denn passiert sei. Schulterzucken von den einen, von den anderen das voller Entsetzen ausgesprochene Wort "ein Kampf". Ich war nicht viel schlauer als vorher, als die nächste "Welle" einschlug. Erneut rannten Menschen panisch auf mich zu, Poltern und Schreie ertönten. Dieses Mal wurde ich soweit "mitgerissen", dass ich mich am Schluss in der Küche, einem kleinen Raum ohne Tür, der auch als Abstellkammer hätte dienen können, wieder fand.

Ich war dieses Mal nicht die Erste. Die Küche war bereits zur Hälfte gefüllt. In den nächsten Minuten sollten stoßartig mehr und mehr Partygäste eintreffen, so viele, dass ich mir gut vorstellen konnte, wie sich die Menschen im Tunnel der Duisburger Loveparade gefühlt haben müssen und ich heilfroh war, nicht unter Platzangst zu leiden und einen offensichtlich kühlen Kopf zu behalten. Während Kinder, Frauen, Männer weinten, einige ihre engsten Vertrauten per Handy alamierten, mir von einer panischen Mutter panisch ihr panisches Kind anvertraut wurde, eine verschlossene Hintertür mit einem Messer als Fluchtweg aufgebrochen wurde und die ersten "Verwundeten" mit großen Blutflecken auf ihren Hemden eintrafen, überlegte ich, ob ich in meiner Position bei einem möglichen Schussangriff sicher wäre. Ich kam zu dem Schluss, dass dies wohl eher nicht der Fall sein würde, konnte meine Position auf Grund der Enge aber nicht verändern und harrte aus.

Ständig hörte ich das Zerbrechen von Gegenständen, als ich kurz nach 2 Uhr aus der Küche treten sollte, weil Entwarnung gegeben wurde, war mein Blick gespickt von kaputten Stühlen, Glasscherben und einer riesigen Bierlache. Bety und ihr Ehemann begleiteten mich zu meiner "Pasaje", dem Weg, in dem ich wohne, und erzählten mir, dass während des Kampfes volle Bierflaschen als Hauptwaffe genutzt und auf den Feind, bzw. in die Masse, geworfen wurden. Ob Schusswaffen im Spiel waren, weiß ich nicht, vermute es aber, da ich zeitweilig auch dachte, Schüsse gehört zu haben.

Wer waren eigentlich die Kämpfenden?

Angeblich stießen die Gangmitglieder von "El Retablo", dem Bezirk in dem ich wohne und in dem gefeiert wurde, auf die Gang von "Santa Luzmila", dem Bezirk, in dem zum Beispiel das Kinderheim steht. Ich wusste gar nicht, dass in diesen Bezirken "richtige aktive und rivalisierende Gangs" ihr Unwesen treiben. Bety meinte, die "Jungs vom El Retablo" würden sie bereits kennen und ihr nichts Böses tun.

Das Interessante ist, dass ich einmal mit Caciles durch "La Victoria", den "gefährlichsten Teil von Lima", gefahren bin und er mir erklärte, weil ich mich über die scheinbare Ruhe und Sorglosigkeit der Passanten wunderte, dass die Anwohner nicht gefährdet wären- die Gangmitglieder würden sie kennen. Alle Unbekannten, wir in dem Fall, wären aber sofort leichte Opfer und würden sicherlich ausgeraubt, sobald wir die Fenster herunter kurbeln oder die Sicherung des Autos nicht mehr aktiviert hätten. Somit sehe ich Betys Worte bestätigt.

Für mich war diese Feier heute ein Erlebnis, für Mirian und insbesondere ihre Tochter muss sie ein kurzer Albtraum gewesen sein. Gabriela tut mir unglaublich Leid, diesen 15. Geburtstag wird sie nie vergessen!

Ich werde nun drüber schlafen und bin gespannt, ob ich Mirian später beim Master von Jorge sehen werde.

 

01. Juni 2012

 

Pinke Delfine beobachten und Piranhias aus dem Amazonas angeln, exotischen Vögeln lauschen, sich vor großen Spinnen, giftigen Schlangen und fiesen Mücken verstecken oder die Beine baumelnd und köstliche Säfte schlürfend, ohne Elektrizität oder Handy- / Internetempfang, den Tag in einer Hängematte verbringen - so stelle ich mir, zugegeben verträumt, die Umgebung von Iquitos vor.

Iquitos ist mit seinen 400.000 Einwohnern die größte Stadt im peruanischen Regenwald, liegt im Nordosten des Landes und ist nur per Boot oder Flugzeug von der Außenwelt aus erreichbar.

Dreimal dürft ihr raten, wer das Dschungelabenteuer wagt.

Da das letzte Juniwochenende verlängert ist, werde ich die letzte Chance nutzen, in Peru auf "größere" Reise zu gehen. Mit Caciles werde ich also in vier Wochen nach Iquitos fliegen und würde die Zeit gerne zum Großteil in einer "Jungle-Lodge", fern von der Zivilisation mitten in der Natur, verbringen.

Das Angebot an kommerziellen "Ecoturismus"-Lodges im Amazonasgebiet, die mit täglichem Programm wie Kanuausflügen oder Wanderungen locken, scheint groß und sicherlich ist auch für uns das Richtige dabei.

Eigentlich wollte ein Freund von Caciles ebenfalls seinen Flug mit uns buchen, allerdings nahm die peruanische Unzuverlässigkeit überhand und somit buchten wir gestern zu zweit die Flüge.

 

Ansonsten stecke ich gerade tief im Unibewerbungsformalitätenkrieg. Genauer gesagt, habe ich, glaube ich, alles Wesentliche erledigt. Ich müsste mich nur so langsam in die Bewerbungen für Stipendien und in die Wohnungssuche reinhängen... .

 

Leider sorgt eine Erkältung gerade dafür, dass ich nicht nur Dinge wie "Wäsche waschen" täglich aufschiebe und mich die Quantität meiner Kleidung langsam aber sicher dazu zwingt, Wasser aufzukochen und mich mit gutem deutschen Waschmittel (meine Socken verlieren das Grau und die ursprünglichen Farben kommen tatsächlich wieder zum Vorschein!) vor die Schüssel zu hocken, sondern auch Verabredungen mit Freunden ausfallen zu lassen. Mit Paolo wäre ich heute eigentlich ins Kino gegangen, aber selbst zum Tanzen konnte ich mich nur schwerlich aufraffen und somit verbringe ich den Tag mit Hals- und Kopfschmerzen lieber im/ auf dem Bett.

Ob ich mich morgen wie geplant mit "Angie" aus Mexiko treffe, ist fraglich. Abends werde ich aber definitiv zum 15. Geburtstag der Tochter von Mirian aus dem Fitnessstudio gehen. Zwar kenne ich die Tochter nicht, aber irgendwie wid hier trotzdem immer alle Welt ("todo el mundo") zu Feiern eingeladen. Wobei Mirian, als sie mir die blau-glitzernde Einladung in die Hand drückte, verschwörerisch meinte: "Aber nur du bist eingeladen!" So etwas ähnliches meinte Bety letztens schon mal zu mir...sie fragte mich, ob ich mit ihr und "den anderen" (Mirian, Jorge, ...) zum Geburtstag eines Freundes gehen wolle. Ich sagte zu und fragte, ob Phia, die schließlich auch an dem Tag beim Tanzen war, mitkommen könne. "Ja, aber nur ihr zwei, niemand außer euch!", war die Antwort.

Lucero und ich stellen Theorien auf, warum.

Am Sonntag werde ich zum ersten Mal an einem "Master" von Jorge teilnehmen. Master=mehrstündiges Hüftgewackel (statt einer Stunde, drei Stunden und vermutlich mit verschiedenen Tanzlehrern).

Nachmittags werde ich mit Yazmin das WM-Qualifikationsspiel Peru-Kolumbien sehen.

Und dann ist schon wieder Montag!

 

In der Schule habe ich den "Tag des Roten Kreuzes" "vorbereitet", in dem ich wieder ein Plakat geschrieben/gemalt und aufgehängt habe. Mir ist außerdem zu Ohren gekommen, dass kommende Woche der "Tag des Lehrers" gefeiert werden soll. Ob das stimmt, wird sich zeigen. Auch kündigte eine "Kollegin" des administravien Personals an, Eva und mich zum Mittagessen einladen zu wollen. Ob sich das bewahrheitet, wird sich ebenfalls zeigen.

Lima von oben
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