Juli 2012

20. Juli 2012

 

"Ach, Humala hat Feierabend", meinte meine Mentorin gestern sachlich, während wir köstliches Früchte-Sorbet in ihrer Wohnung aßen und auf einmal Auto auf Auto auf Motorrad auf Motorrad... folgte und die Karawane durch die eigentlich ruhige Straße brauste. Ollanta Humala, Präsident Perus, wohnt scheinbar nur drei "Cuadras" (Häuserblöcke) von meiner Mentorin entfernt und kommt immer zwischen 22 und 23 Uhr von seiner Arbeit zurück. Gestern war er später dran als sonst.

Man sollte meinen, die Wohngegend würde durch einen Präsidenten als Anwohner etwas teurer (da attraktiver) werden. Stattdessen kann sich meine Mentorin die Kosten für das Sicherheitspersonal sparen, da der Kindergarten der Tochter Humalas gegenüber ihrer Wohnung liegt und somit (jedenfalls zu Öffnungszeiten) vier Bodyguards davor stehen und aufpassen.

Bevor wir uns zum Abschlussgespräch und Abschiedessen mit zwei anderen Lima-Freiwilligen trafen, fand in der Schule ein kleines Abschiedsmittagessen für mich statt, es wurden viele nette Worte an mich gerichtet, ich erhielt eine Tasche als Abschiedsgeschenk und das schönste Geschenk waren weinende Kinder, die auf mich zu stürmten, umarmten und nicht gehen lassen wollten. Tatsächlich könnte mir die Schule dadurch im Nachhinein als recht positiv in Erinnerung bleiben (meine "Beschäftigung" nicht). Das Schlechte blendet Mensch bekanntlich gerne aus.

Heute initiierte Jorge zum ersten Mal einen Gruppentanz; als alle im Kreis tanzten, löste er sich daraus, kam auf mich zu und forderte mich auf, alleine in der Mitte von allen mit ihm zu tanzen. Leider war das so ein Tanz aus dem Regenwald, bei dem man gekonnt von einem Fuß auf den anderen hüpfen muss. Am Wörtchen "gekonnt" scheiterte es, aber trotzdem war es total lustig und eine sehr nette Geste. Im Anschluss luden mich Bety, Mirian und er zum "Frühstück" ein. Das Frühstück war eine Suppe mit Rinderzunge, Rinderauge, Rindergebiss und Rinderwange. Bis auf das Auge und das Gebiss aß ich tatsächlich alles...einfach nicht dran denken WAS man isst... .

Jetzt sollte ich langsam aber sicher packen... .

 

18. Juli 2012

 

Die "Fiestas Patrias" rücken immer näher. Für die Theorie bedeutet das die Feier des peruanischen Unabhängigkeitstages am 28. Juli und eine Feier zu Ehren des Militärs und der Polizei am 29. Juli. Für die Praxis bedeutet dies, dass ich nur noch rot-weiß sehe. Flaggen und Peru-Anstecknadeln werden auf der Straße verscherbelt, viele Leute hissen die Flagge tatsächlich (so auch meine Vermieter- meine Wohnung ist nun auch "beflaggt") und in den Schulen sowie beim Militär stehen Marschübungen wieder hoch im Kurs.

Habe ich schon mal erwähnt, dass Peruaner sehr patriotisch sind?

Sie können noch so arm sein, eine Flagge könnte trotzdem ihr Wellblechdach schmücken.

Zudem kenne ich sehr viele, fast alle, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, die für die Verteidigung ihres Vaterlandes würden sterben wollen - insbesondere gegen Chile. Chile ist der Erzfeind Perus, nicht nur im Fußball.

Doch auch gegen Deutschland oder die USA würden viele meiner Bekannten in den Krieg ziehen, wenn sie den Befehl vom Präsidenten erhielten.

Ich werde an diesem Punkt mit meinen Fragen gerne besonders unangenehm und möchte wissen, ob sie auch einem Diktator, mit dessen Handlungen/Ideologien sie eigentlich überhaupt nicht einverstanden sind, folgen und für ihn morden würden. Ja. Das würden sie. Zunächst herrscht nach meiner Frage entweder peinliche Stille oder der Versuch, eine direkte Antwort zu umgehen, wird gewagt, aber letztlich hat jeder gesagt, er würde auch dem Diktator gehorchen. Befehl wäre schließlich Befehl und Peru wäre ihr Vaterland.

Die Märsche, gesungene Nationalhymne, gehisste Flagge, die frühe patriotische Erziehung in Schule, Gesellschaft und eventuell Elternhaus tragen Früchte.

Es gibt jedoch auch (fast) Ausnahmen. Marina beschreibt sich selbst aus Patriotin, sie mag Peru sehr gerne, möchte aber dennoch auswandern und ihre zukünftigen eigenen Kinder in einem anderen Land großziehen.

Es ist schade, dass ich nur einen Teil der Vorbereitungen für die Fiestas Patrias mitbekomme, am 28. Juli werde ich längst wieder in "Good old Germany" sein.

 

17. Juli 2012

 

Es ist vollbracht:

Heute hat Jorge mich mal wieder gefragt, ob ich auf seinem Podest tanzen möchte und ich habe eingewilligt. Es war eigentlich sogar ganz lustig, ich habe weder Schritte vergessen noch bin ich runter gefallen.

Im Anschluss sind wir "Tanz-Leute" alle auf Grund von Jorges Geburtstag zum "Nachtisch essen" gefahren, heute Abend wird erneut gemeinsam gegessen und danach Karaoke gesungen.

Das Wochenende in Huaraz war auch schön. Ich habe sowohl die Kultur Chavín besichtigt, als auch eine Lagune (Llanganuco) und kleine Orte wie Caraz oder Yungay, das 1970 komplett von einer Lawine, ausgelöst durch ein starkes Erdbeben, verschüttet wurde.

 

12. Juli 2012

 

Nun doch noch ein kurzer Abschnitt:

Der erste Abschied ist vollzogen, zitternde Hände und Tränen meines Gegenüber waren das Resultat. Ich hätte nicht gedacht, dass es so traurig werden würde, fast hätte ich um die Emotionen der Peruaner vergessen.

Der Ausflug nach Trapiche ist übrigens wegen Krankheit (Jorge weiterhin und seit letzter Nacht auch in meinem Fall- ich hätte das Essen im Comedor verweigern sollen) in den Staub gefallen. ("Wasser" passt irgendwie nicht.)

 

11. Juli 2012

 

Hilfe. Die Zeit! Wo ist sie hin? Ich weiß nicht, ob ich in den kommenden Tagen nochmal schreiben werde, da so viel zu tun bleibt, Abschiede von Personen/Orten, Organisatorisches (Packen), ein Ausflug nach Huaraz in den Anden, doch mein Terminkalender scheint sich selbst zu sprengen. Ich bitte um Nachsicht.

In den letzten Tagen ging mein Leben seinen gewohnten Lauf. Abendliches Treffen bei Diana, Treffen mit Aglaja, Arbeit im Comedor, Treffen mit Zoila, der Leiterin des Comedors, bei ihrer Familie, die mal wieder irgendwelche Organe zum Essen serviert hat (dieses Mal nicht lecker..urgh), morgen werde ich (hoffentlich) mit meinen Tanz-Homies zu einem Ort namens "Trapiche" fahren (ich dachte bisher immer, "Trapiche" wäre bloß eine Straße, doch scheinbar ist dem nicht so, denn Bety meinte: "Lass uns zum Abschied irgendwo hinfahren", Jorge: "Sii, vamos!! Lass uns nach Trapiche fahren!" Bety: "Ja, da kann man reiten!" -> und ich denke auf Grund des Reitens nicht, dass von der Straße die Rede ist). Für den Ausflug müsste Jorge allerdings noch gesund werden, er hat, wie viele aktuell, eine Erkältung. Das Wetter: Sommer, Winter, Sommer, Winter...Klimawandel.

Liebe Freunde, am 21. Juli steige ich den Flieger und mache mich auf den Weg zu euch! Am 22. Juli sollte ich dann ankommen! Ich freue mich ganz unglaublich riesendoll auf euch!!! Besitos an alle Liebsten!!! :)

 

7. Juli 2012

 

Da sag nochmal einer, Deutschland sei bürokratisch. Gestern wollte ich eine Überweisung von meinem peruanischen Konto auf ein anderes tätigen und machte den Weg zur Bank. Dort angekommen reichte ein schneller Blick um festzustellen, dass kein anderer Kunde dort war. Es gab vier freie Schalter, jeder von einem Angestellten besetzt, der mich ansah und quasi darauf wartete, dass ich zu ihm käme. Der Sicherheitsbeauftragte wies mich jedoch an, eine Nummer zu ziehen, um dann aufgerufen zu werden. Ich musste also meine Bankkarte einscannen, eine unter zig Optionen auswählen, was erst nach fünf Anläufen funktionierte, um dann mit dem kleinen weißen (ansonsten sinnlosen) Zettelchen zu Schalter Eins gehen zu dürfen. So ein Quatsch.

Im Endeffekt habe ich das Geld übrigens nicht überweisen können, weil unter anderem die "DNI" (Registrierungsnummer") meiner Entsendeorganisation für die das Geld bestimmt war, fehlte. Man kann alles auch komplizierter machen, als es ist.

Apropos: Wenn jemand Soles von mir kaufen möchte, ohne dafür zu zahlen (Soles-Euro-Tausch), der melde sich bitte umgehend bei mir. ;)

 

6. Juli 2012

Das gibt es sonst nur bei "Ich bin ein Star, holt mich hier raus"

 

Ich habe hier ja schon so einiges gegessen.. (fast) roher Fisch, Viehpfote, Kaiman, Rinderherz/darm/..., Meerschweinchen, Waschbär, seit heute dürfen sich Hoden (vermutlich vom Stier) in diese Liste einreihen. "Criadilla" nennt sich die Vorspeise, die ich zum "Tag des Lehrers" in einem Restaurant bestellt habe. Fälschlicherweise ging ich davon aus, es würde sich um einen normalen Salat mit Mais und Zwiebeln handeln, zu Mais und Zwiebeln gesellten sich dann aber auch noch diese für mich nicht identifizierbaren, jedoch einigermaßen leckeren Stückchen. Ich fragte also nach, was ich da eigentlich aß und erntete mal wieder Grinsen als Antwort. "Criadilla!" So schlau war ich vorher auch schon...bis mir dann erklärt wurde, was das eigentlich heißt...ich hielt das zunächst für einen Scherz, aber irgendwann war klar, ich aß tatsächlich gerade Hoden.

Sehr belustigend fand ich auch Evas Dr.Sommer-Frage, ob wir denn davon schwanger würden.

Die Hauptspeise kannte ich: Ziege mit Linsen, Reis und Zwiebeln.

Ansonsten sah der Tag des Lehrers so aus, dass sich alle wie bei den Oscars selbst feierten, die Schüler mal wieder Tänze etc vorführten und alle, auch Eva und ich, Geschenke von den Eltern (ein gefaktes Hollister-Oberteil und Socken) erhielten.

Zu unserer Freude hatten sogar Schüler (oder Lehrer?) etwas über uns aufgeschrieben und verziert zu den Sprüchen über die anderen Lehrer an eine Wand gehängt. Mein Text handelte hauptsächlich von "Schönheit" ("so schön wie eine Rose", ...). Kitschiger geht es kaum, aber immerhin wurde an uns gedacht!

 

3. Juli 2012

 

Gestern bin ich von meinem Dschungel-Ausflug zurück gekommen. Der Bericht wird unter "Reisen" zu finden sein.

Bis dahin war ich recht viel mit verschiedenen Freunden unterwegs - zum Beispiel mit Raúl. Einmal holte er mich mit seinem "Auto" ab. Ohne ein genaues Ziel zu haben, das Ziel war "ein Ort, den wir noch nicht kennen", fuhren wir auf der Panamerica Richtung Norden. Einen Großteil der Zeit "fuhren" wir jedoch eigentlich nicht, sondern füllten an jeder auf dem Weg liegenden Tankstelle das Kühlwasser des "Autos" auf, da es auslief und den Motor zum Qualmen brachte. Das "Auto" hatte definitiv schon bessere Zeiten erlebt, damals, als es noch keine "Schrottkiste" war. Unser unbekanntes Ziel war zu allem Überfluss letztlich wenigstens mir bekannt. Wir hielten in Ancon, wo ich vor einigen Monaten schonmal war. Trotzdem war der Ausflug ganz lustig und das nächste Mal unternahmen wir eine Tour auf Raúls Motorrad, dieses Mal auf der Panamericana Richtung Süden zum "Barrio Chino" (Chinaviertel) im Zentrum Limas. Zeitweise bin ich vor Angst fast gestorben, als wir uns durch die Lastwagen und unberechenbaren Busse, an Schlaglöchern vorbei und auf dem Rückweg bereits bei Dunkelheit, schlängelten. Froh war ich dann, heile zurück nach Comas gekommen zu sein. Zwei Tage danach spürte ich allerdings noch einen Muskelkater, der vom krampfhaften Versuch, mich an den Sitz zu klammern, gekommen sein muss.

Ansonsten ist mir bewusst geworden, dass die Peruaner im wirtschaftlichen Bereich unglaublich kreativ improvisierend sind. Mir wurde ans Herz gelegt, entweder ein Buch über meine Peru-Erlebnisse zu schreiben, eine Nichtregierungsorganisation zu gründen oder Souvenirartikel von hier mit nach Deutschland zu nehmen und dort zum doppelten Preis zu verkaufen.

Hier stellt man sich mit seiner Ware einfach an den Straßenrand oder steigt in einen Bus und schon beginnt der Verkauf. Insbesondere in den Bussen finde ich es immer wieder erstaunlich, dass so viele Fahrgäste den Kleinverkäufern ihre Ware abkaufen. Und wenn es zusammenklappbare Zahnbürsten, leuchtende Kugelschreiber oder Minitaschenlampen sind... .

Auch ein neues Machismo-Beispiel habe ich gefunden. Bety meinte einmal zu mir, dass sie, sollte sie mal nicht kochen oder hinter ihren Männern (Ehemann plus zwei bereits erwachsene Söhne) aufräumen, sofort von ihnen vor die Tür gesetzt werden würde. Ich habe ihr empfohlen, sich einfach mal gegen sie durchzusetzen und kleine Experimente zu wagen, das hat sie aber ziemlich verschreckt.

Lima von oben
Lima von oben